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BücherEsel Ep 71: Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald – Fiona Sironic

Der vollständige Titel des Buches ist Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft. Der Titel ist absolut genial und passt perfekt zum Buch, aber er ist absolut lang und sperrig.

Jedes Jahr im Oktober zur Frankfurter Buchmesse wird der Deutsche Buchpreis verliehen und es lohnt echt, sich die Titel auf der Shortlist mal näher anzusehen. Genau das haben wir gemacht und uns entschieden, ein Buch im BücherEsel vorzustellen.

Gleich mit zwei Büchern war die queere Literatur vertreten und ist damit zumindest bei den Buchpreisen angekommen.

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft ist eine queere Coming-of-Age Liebesgeschichte, eigentlich nicht so unser Genre. Aber das Setting in einer nicht so fernen Zukunft ist packend. Der Klimawandel und die Erderwärmung mit all ihrenKonsequenzen sind fortgeschritten und weite Teile der Erde sind nicht mehr bewohnbar. In Deutschland ist es zu heiß, um noch Landwirtschaft zu betreiben, die meisten Menschen ernähren sich von nährreichen Pulvern. Pflanzen können nur in klimatisierten Gewächshäusern angebaut werden und müssen dort aufwendig per Hand bestäubt werden. Draußen brennt der Wald und ein Leben in den Städten ist unmöglich wegen der Hitze. Die Bevölkerung ist verarmt, die Ressourcen werden knapp. Jeder ist damit beschäftigt, zu überleben. In dieser Welt wachsen die Teenager Era und Maya auf.

Era dokumentiert in ihrer Freizeit das Aussterben von Vogelarten, während Maya jeden Samstag auf einem Livestream Festplatten und andere Gegenstände in die Luft sprengt. Die beiden verlieben sich ineinander und beginnen eine fragile Beziehung in einer fragilen Welt.

Der Debütroman der Autorin Fiona Sironic beschreibt sehr einfühlsam die Gefühle, die zwischen den Beiden entstehen, vor dem Hintergrund einer Welt, in der junge Frauen auf die Straße gehen und Mülleimer anzünden und niemand sie daran hindert.

Wir besprechen das Buch wie immer ohne Spoiler, aber vielleicht mit ein paar Denkanstößen und wie immer mit reger Diskussionen.

Hört mal rein!

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BücherEsel Ep66: Antichristie – Mithu Sanyal

Mahatma Gandhi, Sherlock Holmes und eine ganze Riege Indischer Freiheitskämpfer des frühen 20. Jahrhunderts treffen: Wer träumt nicht davon? Durga, die Protagonistin von Antichristie, Mithu Sanyals neuem Roman, hat die Ehre. Ihre Arbeit verschlägt sie nach London, wo sie zusammen mit einer bunt gemischten Truppe ein Drehbuch für einen neuen, anti-rassistischen, anti-kolonialen Agatha-Christie Film schreiben soll. Bei einem Spaziergang durch die Stadt gerät sie ins Jahr 1906, in einem indisch, männlichen Körper steckend.

Nach einigen Verwirrungen landet sie im India House, dem Haus des Anwalts Shyamji Krishna Varmas, der von hier den Widerstand gegen die Britische Kolonialherrschaft in Indien organisiert. Durch ihre indischen Wurzeln und die Faszination ihrer deutschen Mutter mit indischen Freiheitskämpfern kennt sie viele von den Bewohnern aus Erzählungen und Geschichtsbüchern. Auch ihren Zimmergenossen Vinayak Damodar Savarkar, der spätere Mitbegründer der radikalen Hindutva-Theorie, die Indien zu einem hinduistischen Staat machen möchten. Sie ist entsetzt und fasziniert zugleich. Und beginnt über Kolonialismus, Widerstand und Gewalt nachzudenken.

Es beginnt eine tiefe Diskussion mit allen Bewohnern, die sich durch die 544 Seiten zieht und durchaus nicht immer einfach zu lesen ist. Aber die Fragen, die Mithu sich und allen, stellt sind essenziell. Heiligt ein Zweck die Mittel? Darf man Gewalt gegen Gewalttäter anwenden? Und welche Sichtweise auf Geschichte ist die richtige?

Die Zeit nennt Antichristie “den großen postkolonialen Roman”, und damit liegt sie richtig. Auf zwei Zeitebenen wird der Kolonialismus auseinandergenommen und diskutiert. Es wird eigentlich nur geredet, ständig und immer. Das ist anstrengend, zumal die meisten real-historischen Protagonisten aus dem India House der Leserschaft vermutlich gänzlich unbekannt sind. Zum Trost gibt es einige bekanntere Persönlichkeiten. Die Queen ist gerade gestorben, aber Gandhi und Sherlock Holmes haben Gastauftritte. Und für alle anderen gibt es ein Personenverzeichnis am Ende.

Unsere nicht minder heiße Diskussion und unser Fazit hört ihr in unserer aktuellen Podcast-Folge.

Wir wünschen euch Frohe Weihnachten und einen Guten Rutsch ins Jahr 2025!

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